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Sehr geehrte Damen und Herren,

Der Emissionshandel war nie ein klassischer Markt. Er ist politisch geschaffen worden und genau deshalb wird auch der Preis politisch geprägt. 2026 erreicht das eine neue Dimension. Der EUA-Preis wird aktuell stärker von politischen Erwartungen, Signalen und Machtfragen getrieben als von klassischen Marktmechaniken. Wer den Markt verstehen will, muss politische Entwicklungen lesen, nicht nur Fundamentaldaten.

Gleichzeitig treten die Spannungen innerhalb der EU offener zutage. Interessenlagen driften auseinander, neue Allianzen entstehen, etwa zwischen Deutschland und Italien, auch vor dem Hintergrund eines politischen Vakuums in Frankreich. Durchsetzen konnten sie sich bislang nicht.

Stattdessen dominiert eine EU-Kommission, die den ETS stabilisiert und gegen tiefgreifende Eingriffe abschirmt. An ihrer Spitze steht eine deutsche Kommissionspräsidentin, die sich zunehmend als Schutzpatronin des Systems positioniert und damit im klaren Gegensatz zu den Forderungen aus Berlin steht. Die im Februar formulierte Erwartung, den ETS kurzfristig spürbar zu entlasten, hat sich bislang nicht erfüllt.

EU-ETS: Stabilisierung ja, Klarheit nein

Die jüngsten Vorschläge der EU-Kommission zur Marktstabilitätsreserve (MSR) zeigen vor allem eines: Brüssel setzt kurzfristig auf Stabilisierung statt auf eine grundlegende Neujustierung des Emissionshandels.

Konkret soll der bisherige Löschmechanismus entfallen. Überschüssige Zertifikate werden künftig nicht mehr dauerhaft aus dem Markt genommen, sondern in der Reserve gehalten. Damit entsteht ein deutlich größerer Puffer, der bei Bedarf aktiviert werden kann. Ziel ist es, Preisschwankungen abzufedern und die Planbarkeit zu erhöhen.

Das ist keine große Reform, aber ein klares Signal.

Deutschland forderte mehr 

Die Bundesregierung hatte sich im Vorfeld für weitergehende Entlastungen eingesetzt, insbesondere mit Blick auf die energieintensive Industrie. Diskutiert wurden unter anderem eine aktivere Nutzung der MSR zur Preisdämpfung sowie Anpassungen bei der freien Zuteilung.

Diese Position konnte sich bislang nicht durchsetzen. Stattdessen verweist die Kommission konsequent auf die bestehenden Vorgaben der EU ETS Directive 2023/959 und die dort festgelegten Mechanismen, insbesondere bei den Benchmarks. Die Einflussmöglichkeiten der Kommission sind unserer Ansicht nach jedoch nicht so klein, wie von ihr dargestellt. Emissionshändler.com sieht insbesondere zwei Stellschrauben: In der Definition der „Benchmark setzenden“ Anlagen sowie beim Spielraum zwischen 0,3% und 2,5% Benchmarkkürzung p.a., was auf 5 Jahre gerechnet nicht unerheblich ist. 

Kurzfristig suggeriert die Kommission wenig Spielraum für strukturelle Änderungen, politisch ist die Debatte aber keineswegs beendet. Mit Blick auf das angekündigte Reformpaket im Juli bleibt bis zum Sommer ein Zeitfenster, in dem insbesondere die Bundesregierung erneut Druck aufbauen dürfte.

Marktmechanik: Mehr Puffer, weniger Knappheit

Die Anpassung der MSR verändert die Wirkung des ETS:

  • Überschüsse bleiben im System
  • die Reserve wächst
  • potenziell zusätzliche Zertifikate (z. B. über Fördermechanismen) bleiben im Raum 

Das schwächt das klassische Knappheitssignal des ETS. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass politisch von Seiten der Kommission kein Interesse an einem Preisverfall besteht.

Weniger Markt, mehr Politik in der Preisbildung

Für Unternehmen verändert sich damit die Preisbildung. Klassische Einflussfaktoren wie Fuel Switching verlieren an Gewicht, Energiepreise wirken weniger direkt, was im Zuge der Irankrise sicherlich gut ist. Politische Erwartungen gewinnen hingegen an Bedeutung. Der CO₂-Preis bewegt sich zunehmend innerhalb eines politisch geschaffenen Korridors. Werte wie etwa 75 €/t CO₂, die die EU-Kommission bei der Kalkulation des ETS-1-Investitionsboosters (Förderprogramme für Dekarbonisierungsprojekte) als Preisannahme verwendet hat, fungieren dabei weniger als Fundamentaldaten, sondern eher als Orientierung.

Industriepolitik bleibt integraler Bestandteil

Die aktuellen Vorschläge zeigen einmal mehr, dass der Emissionshandel nicht isoliert betrachtet werden kann. Neben klimapolitischen Zielen spielt die Sicherung industrieller Wertschöpfung eine zentrale Rolle.

Das ist keine neue Entwicklung. Der ETS war immer auch ein Instrument der Standortpolitik, Carbon Leakage von Beginn an zentraler Bestandteil der Diskussion. Die aktuelle Ausgestaltung verschiebt die Gewichtung in Richtung wirtschaftlicher Stabilität, nachdem die EU-Richtlinie aus 2023 in der dreijährigen Rückbetrachtung den Dekarbonisierungsdruck auf die Industrie vielleicht etwas zu schnell erhöhte.

Entscheidung vertagt und damit Unsicherheit verlängert

Für die Industrie bleibt damit vor allem eines bestehen: Unsicherheit.

Bis zur Vorlage und Verhandlung des umfassenden ETS-Reformpakets im Sommer gibt es weder eine klare Linie bei möglichen Entlastungen noch eine belastbare Perspektive für die Preisentwicklung. 

Die im Februar u.a. von Bundeskanzler Merz formulierten Erwartungen an schnelle und spürbare Entlastungen erfüllen sich damit vorerst nicht. Der bürokratische Apparat der EU zeigt sich unnachgiebig. 

Stattdessen ist davon auszugehen, dass sich die Zurückhaltung bei Investitionen in der Industrie mindestens über die kommenden Monate fortsetzen wird – mit entsprechend unklaren Folgen für Standortentscheidungen, Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit.

Einfluss des Iran-Kriegs

Die geopolitische Lage wirkt als zusätzlicher Katalysator. Der Konflikt im Iran und insbesondere die Dauer seines Einflusses auf die Energiepreise wirken maßgeblich auf den politischen Handlungsdruck im ETS ein. Je länger die Belastung anhält, desto wahrscheinlicher werden Eingriffe zur Entlastung – vergleichbar mit Maßnahmen wie dem Frontloading 2022 im Zuge der Ukrainekrise.

Preiseinschätzung

Der jüngste Preisanstieg wirkt weniger fundamental getrieben als vielmehr wie eine Korrektur zuvor eingepreister politischer Entlastungserwartungen, verstärkt durch Positionierungseffekte. Der Markt hatte erkennbar auf klarere Signale gesetzt – diese sind bislang jedoch ausgeblieben.

Solange keine neuen, glaubhaften politischen Impulse kommen, spricht vieles für ein Range-Bound-Szenario. Das Abwärtspotenzial erscheint begrenzt, da weder kurzfristig zusätzliche Mengen in den Markt kommen noch politisch ein Interesse an deutlich fallenden Preisen erkennbar ist. Gleichzeitig bleibt auch die Aufwärtsdynamik gedeckelt. Der von der Kommission implizit unterstellte Preisbereich um 75 €/t CO₂ etabliert sich zunehmend als Orientierung und begrenzt die Bewegung nach oben.

In Summe bewegt sich der Markt derzeit nicht entlang klassischer Treiber wie Fuel Switching oder Energiepreisen, sondern innerhalb eines politisch geprägten Korridors – mit entsprechend geringerer Volatilität, zumindest bis neue Signale aus Brüssel kommen.

Fazit

Der EU-ETS 1 bleibt ein zentrales Instrument europäischer Klimapolitik.  Seine kurzfristige Entwicklung wird derzeit weniger durch Marktkräfte als durch politisches Techtelmechtel geprägt. Planungssicherheit entsteht frühestens dann, wenn die maßgeblichen politischen Entscheidungen getroffen sind. 

Mit freundlichen Grüßen,